An einem Podiumsgespräch in Thun machte der Thuner
Gemeinderat klar, dass es definitiv keine Drogenanlaufstelle gibt.
Auf dem Podium diskutierten Politiker und
Suchtexperten über eine Thuner Drogenanlaufstelle. Die Fronten blieben so, wie
sie schon bis anhin waren. Nicht auf dem Podium sassen Vertreter Berns.
70 Frauen und Männer sitzen am Donnerstagabend im
Kirchgemeindehaus an der Frutigenstrasse: Drogenabhängige sind da, Vertreter
von Suchtarbeitsinstitutionen, Parlamentarierinnen und Parlamentarier,
Freikirchenvertreter und Jugendliche. Einige der Anwesenden kommen direkt aus
Bern, der grösste Teil jedoch sind Thunerinnen und Thuner. Eingeladen hat das
«Contact» – die Berner Gruppe für Jugend-Eltern und Suchtarbeit – zu einem
Podiumsgespräch unter dem Titel: «Wie viele Randständige verträgt die Stadt
Thun?»
Auf dem Podium sitzt der Thuner Gemeinderat Andreas
Lüscher (svp), der mit dem Gesamtgemeinderat entschieden hat, dass es in Thun
keine Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige geben wird. Weiter
eingeladen worden als Podiumsteilnehmer ist Grossrat Andreas Lanz (svp) sowie
weitere Politiker, eine Kantonsvertreterin, ein Polizeivertreter sowie drei
Suchtexperten.
Mokka-Chef wieder
ausgeladen
Wieder ausgeladen worden von den Veranstaltern ist Bädu Anliker, Chef des
Kulturbetriebs Mokka. Anliker wehrte sich öffentlich vehement gegen eine
Kontakt- und Anlaufstelle, die, hätte es sie denn gegeben, neben seinem
Kulturbetrieb eingerichtet worden wäre. Podiumsinitiant Kurt Berger begründete
die Ausladung Anlikers damit, dass es am Podium nicht mehr um die Standortfrage
gehe. Mit dem Fehlen Anliker aber war die Zahl der Gegner einer Kontakt- und
Anlaufstelle auf dem Podium auf zwei geschrumpft. «Es ist schwierig, ein
ausgewogenes Podium zusammenzustellen», sagte Berger dazu. Andreas Lüscher
machte vor versammeltem Publikum mehrmals klar, dass es in Thun definitiv keine
Kontakt- und Anlaufstelle geben werde – «der Gemeinderat hat beschlossen,
basta». Schützenhilfe erhielt er von Lanz sowie Heilsarmee- und
Freikirchenvertretern im Publikum, die sich für eine «abstinenz- und
ausstiegsorientierte Politik ohne Anlaufstelle» aussprachen. «Mit einer
Anlaufstelle fördern wir zudem den gesetzlich verbotenen Drogenhandel», zeigte
sich Lanz überzeugt. Die Drogenabhängigen im Publikum sowie die
Institutionsvertreter auf dem Podium erklärten dagegen, dass es in Thun eine
Anlaufstelle brauche, um Bern zu entlasten. «Ich bin seit 20 Jahren auf Drogen
und werde wortwörtlich gezwungen, für meine Sucht nach Bern zu gehen», meinte
ein 47-jähriger Mann. Und ein Zweiter fragte: «Was ist Ihnen denn lieber, die
ganze Szene in der Stadt Thun verteilt zu haben oder versammelt an einem Ort?»
Applaus erntete der Vertreter der Jungen SVP mit seiner Frage ans Podium: «Gäbe
es in Thun denn überhaupt einen Standort, der nicht umstritten wäre und der in
einer Volksabstimmung eine Chance hätte?» Ein eher düsteres Bild malte gegen
Schluss GFL-Stadtrat Thomas Hiltpold: «Wir drohen uns in Thun von der
eidgenössischen Drogenpolitik zu verabschieden.»
Berner Vertretung fehlte Obwohl die Teilnahme von Dieter Schärer der Stadtpolizei
Bern angekündigt war, fehlte eine Berner Vertretung auf dem Podium. «Wir haben
vom Gemeinderat die Anweisung erhalten, nicht teilzunehmen», erklärt Manuel
Willi, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei. Er will den Entscheid
seiner Vorgesetzten nicht weiter kommentieren. Auf Anfrage ist von der
Gemeinderätin Edith Olibet zu erfahren, dass Bern seinen Vertreter als Reaktion
auf den Thuner Entscheid, keine Anlaufstelle einzurichten, zurückgezogen habe.
Die Zusage zur Teilnahme am Podium war vor dem Entscheid der Stadt Thun
erfolgt. «Der Gemeinderat ist der Meinung, dass die Thuner jetzt untereinander
diskutieren müssen», so die Sozialdirektorin. Auf politischer Ebene sei zudem
eine Diskussion zwischen Delegationen der Gemeinderäte beider Städte geplant.
(hpa)
Der Bund, Mireille Guggenbühler
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