>>zurück zu Pressemitteilungen

"Wir haben beschlossen, basta"


Autor: Der Bund
Datum: 26.05.2007


An einem Podiumsgespräch in Thun machte der Thuner Gemeinderat klar, dass es definitiv keine Drogenanlaufstelle gibt.

Auf dem Podium diskutierten Politiker und Suchtexperten über eine Thuner Drogenanlaufstelle. Die Fronten blieben so, wie sie schon bis anhin waren. Nicht auf dem Podium sassen Vertreter Berns.

70 Frauen und Männer sitzen am Donnerstagabend im Kirchgemeindehaus an der Frutigenstrasse: Drogenabhängige sind da, Vertreter von Suchtarbeitsinstitutionen, Parlamentarierinnen und Parlamentarier, Freikirchenvertreter und Jugendliche. Einige der Anwesenden kommen direkt aus Bern, der grösste Teil jedoch sind Thunerinnen und Thuner. Eingeladen hat das «Contact» – die Berner Gruppe für Jugend-Eltern und Suchtarbeit – zu einem Podiumsgespräch unter dem Titel: «Wie viele Randständige verträgt die Stadt Thun?»

Auf dem Podium sitzt der Thuner Gemeinderat Andreas Lüscher (svp), der mit dem Gesamtgemeinderat entschieden hat, dass es in Thun keine Kontakt- und Anlaufstelle für Drogenabhängige geben wird. Weiter eingeladen worden als Podiumsteilnehmer ist Grossrat Andreas Lanz (svp) sowie weitere Politiker, eine Kantonsvertreterin, ein Polizeivertreter sowie drei Suchtexperten.

Mokka-Chef wieder ausgeladen
Wieder ausgeladen worden von den Veranstaltern ist Bädu Anliker, Chef des Kulturbetriebs Mokka. Anliker wehrte sich öffentlich vehement gegen eine Kontakt- und Anlaufstelle, die, hätte es sie denn gegeben, neben seinem Kulturbetrieb eingerichtet worden wäre. Podiumsinitiant Kurt Berger begründete die Ausladung Anlikers damit, dass es am Podium nicht mehr um die Standortfrage gehe. Mit dem Fehlen Anliker aber war die Zahl der Gegner einer Kontakt- und Anlaufstelle auf dem Podium auf zwei geschrumpft. «Es ist schwierig, ein ausgewogenes Podium zusammenzustellen», sagte Berger dazu. Andreas Lüscher machte vor versammeltem Publikum mehrmals klar, dass es in Thun definitiv keine Kontakt- und Anlaufstelle geben werde – «der Gemeinderat hat beschlossen, basta». Schützenhilfe erhielt er von Lanz sowie Heilsarmee- und Freikirchenvertretern im Publikum, die sich für eine «abstinenz- und ausstiegsorientierte Politik ohne Anlaufstelle» aussprachen. «Mit einer Anlaufstelle fördern wir zudem den gesetzlich verbotenen Drogenhandel», zeigte sich Lanz überzeugt. Die Drogenabhängigen im Publikum sowie die Institutionsvertreter auf dem Podium erklärten dagegen, dass es in Thun eine Anlaufstelle brauche, um Bern zu entlasten. «Ich bin seit 20 Jahren auf Drogen und werde wortwörtlich gezwungen, für meine Sucht nach Bern zu gehen», meinte ein 47-jähriger Mann. Und ein Zweiter fragte: «Was ist Ihnen denn lieber, die ganze Szene in der Stadt Thun verteilt zu haben oder versammelt an einem Ort?» Applaus erntete der Vertreter der Jungen SVP mit seiner Frage ans Podium: «Gäbe es in Thun denn überhaupt einen Standort, der nicht umstritten wäre und der in einer Volksabstimmung eine Chance hätte?» Ein eher düsteres Bild malte gegen Schluss GFL-Stadtrat Thomas Hiltpold: «Wir drohen uns in Thun von der eidgenössischen Drogenpolitik zu verabschieden.»

Berner Vertretung fehlte
Obwohl die Teilnahme von Dieter Schärer der Stadtpolizei Bern angekündigt war, fehlte eine Berner Vertretung auf dem Podium. «Wir haben vom Gemeinderat die Anweisung erhalten, nicht teilzunehmen», erklärt Manuel Willi, stellvertretender Kommandant der Stadtpolizei. Er will den Entscheid seiner Vorgesetzten nicht weiter kommentieren. Auf Anfrage ist von der Gemeinderätin Edith Olibet zu erfahren, dass Bern seinen Vertreter als Reaktion auf den Thuner Entscheid, keine Anlaufstelle einzurichten, zurückgezogen habe. Die Zusage zur Teilnahme am Podium war vor dem Entscheid der Stadt Thun erfolgt. «Der Gemeinderat ist der Meinung, dass die Thuner jetzt untereinander diskutieren müssen», so die Sozialdirektorin. Auf politischer Ebene sei zudem eine Diskussion zwischen Delegationen der Gemeinderäte beider Städte geplant. (hpa)

Der Bund, Mireille Guggenbühler


hinauf